Wer meine anderen Buchkritiken gelesen hat wird gemerkt haben, dass ich bei meiner Lektürenauswahl nur ungern auf Krimis zurückgreife. Leider handelt es sich aber bei etwa 126 von 127 Büchern um Vertreter aus ebenjenem ungeliebten Genre, sodass Ausweichmöglichkeiten nur begrenzt vorhanden sind. Neben den hier bereits näher beleuchteten Männerromanen, bietet sich besonders die Lektüre von (Auto-)Biografien an. Da jeder halbwegs Prominente Mensch über 17 der Meinung ist, dass die Welt dringend mehr über sein spannendes Leben erfahren muss, ist hier die Auswahl sogar recht groß.
Die Biografien von Harald Schmidt, Olli Kahn, Bushido, Barack Obama, Helmut Schmidt und vielen anderen Persönlichkeiten will ich im Laufe der nächsten Jahre unbedingt lesen – Das spannendste Leben im Biografen-Tümpel schien mir aber Jay Dobyns zu haben, sodass ich mich vor allen anderen auf sein Werk gestürzt habe.

Wer Jay Dobyns ist weiß kein Mensch – die Kenner seines Buches oder der New York Times-Bestsellerliste natürlich ausgeschlossen. Da der Kerl verdeckter Ermittler der ATF ist war, kommt ihm diese Tatsache wahrscheinlich gar nicht so ungelegen. In seiner Biografie “Falscher Engel” beschreibt Dobyns seine Tätigkeit als verdeckter Ermittler in der amerikanischen Biker-Szene, wobei er besonders in den Reihen der Hells Angels unterwegs war.
Besonders in der ersten Hälfte trieft dieses Buch vor Patriotismus und der Eindruck, dass Dobyns Biografie in erster Linie zeigen soll, was er für ein toller Hengst ist, drängt sich unweigerlich auf …
Beispiel: Während seiner Ausbildung wird Dobyns bei einem Einsatz zur Geisel und anschließend vom Geiselnehmer angeschossen. Obwohl seine Lunge dabei durchlöchert wird und Dobyns blutet wie Sau, setzt er sich direkt auf und klopft ein paar coole Sprüche. Auch später im Krankenhaus – seine Überlebenschancen sind verschwindend gering – nutzt er jede Gelegenheit Ärzten oder Krankenschwestern einen lockeren Spruch zu drücken, bevor er wieder ins Koma zurückfällt. Sobald es ihm besser geht drückt er immer wieder auf seine Morphium-Pumpe, um im Delirium ein paar Filmchen zu schieben, damits im Krankenhaus nicht so langweilig wird … Obwohl er nach diesem Vorfall eigentlich einen Schreibtischjob vorziehen sollte, will ein harter Hund wie Jay Dobyns natürlich zurück auf die Straße und dem Tod so oft wie möglich ins Auge blicken. Harter Kerl – Groar!!!
Wenn man den langatmigen Einstieg und die Selbstbeweihräucherung zu Beginn des Buches aber passiert hat, wird Falscher Engel mit jeder gelesenen Seite immer mehr zu einem wirklich lesenswerten Buch. Besonders der
Einblick in die zielgerichtete Vorgehensweise der Behörde und der verdeckten Ermittler wirkt besonders wertvoll, da unbekannt. Jay Dobyns beschreibt ziemlich detailliert, wie er und seine Mitstreiter gezielt immer tiefer in die Biker-Szene eintauchen, das Vertrauen und Ansehen der Hells Angels und ihrer Führungsriege gewinnen und schließlich selbst zu Mitgliedern der Hells Angels werden. Außerdem zeigt er recht anschaulich, wie anspruchsvoll und aufreibend das Doppelleben eines verdeckten Ermittlers ist. Im Laufe der zwei Jahre die er an diesem Fall arbeitete, entfremdet er sich immer mehr von seiner Familie, geht immer mehr in der Rolle des Bikers, Waffennarren und Geldeintreibers “Bird” auf, wird immer mehr selbst zum Hells Angel und immer weniger Jay Dobyns.
Nicht nur die Handlung im Buch, sondern auch die Art und Weise, in der Jay Dobyns seine Denkweise und sich selbst beschreibt, verändern sich im Laufe des Buches. Während er sich zunächst als Vorzeigevater, Vorzeigecop, Vorzeigeehemann und absoluten Helden darstellt, der keine Zweifel an sich, seinen Fähigkeiten oder seinen Entscheidungen zulässt, zeigt er später auch seine eigenen Schwächen in Form von Angst, Überforderung, Selbstzweifeln und einer immer stärker werdenden Tablettensucht.
Eines der großen Probleme, welches während der Lektüre von Falscher Engel immer weiter wächst, ist die Vielzahl der handelnden Personen. Während die Anzahl der involvierten Ermittler einigermaßen überschaubar bleibt, werden immer wieder neue Hells Angels Mitglieder eingeführt, sodass es unmöglich scheint auch hier den Überblick darüber zu behalten, wer zu welchem Charter gehört, wer wichtig ist und wen man sofort
wieder vergessen kann. Da sich scheinbar auch die Autoren dieses Problemes bewusst waren, haben sie auf einer Doppelseite in der Mitte des Buches Fahndungsfotos der wichtigesten genannten Hells Angels abgedruckt. Mit Kentniss der zugehörigen Gesichter kann man sich die Namen doch wesentlich besser merken, außerdem ist es wirklich interessant zu sehen, wie die handelnden Personen aussehen. Gerade dadurch wird beim Lesen immer wieder bewusst, dass die hier beschriebenen Personen wirklich existieren, die beschriebene Handlung tatsächlich stattgefunden hat. Tolles Feature!
Unterm Strich bin ich von meiner Biografien-Premiere nicht enttäuscht worden. Nach Anlaufschwierigkeiten mausert sich Falscher Engel zu einem echt guten Buch, dessen Lektüre ich nur empfehlen kann. Besonders da Jay Dobyns – nachdem Fotos von ihm in seinem Buch gezeigt werden – ziemlich sicher nie wieder undercover Ermitteln kann und der Mann immerhin zwei Kinder ernähren muss, kann ich nur an das Gute im Menschen appelieren und euch dazu auffordern sein Buch zu kaufen… Irgendwie muss er ja jetzt sein Geld verdienen…
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